Streiten, ohne sich zu verletzen. Zuhören, obwohl man ganz anderer Meinung ist. Fragen stellen, bevor man urteilt. Genau das ist es, was Petra Kunik am Ende des Abrahamischen Religionsgesprächs am meisten beeindruckte: "Das, was ich hier erlebe – Austausch, Streiten, im Gespräch bleiben –, genau das müssen wir lernen."
Am 10. September 2026 war es wieder einmal so weit: Zum 16. Mal fand an der AES das Abrahamische Religionsgespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der drei sog. Abrahamischen Religionen statt. Diesmal mit Petra Kunik (jüdische Gemeinde Frankfurt), Jasmina Makarevic (Bosnisches Kulturzentrum Frankfurt und Vorstandsmitglied des muslimischen Kompetenzzentrums für Frauen) und Andreas Heidrich (Evangelischer Pfarrer in Bad Soden). In zwei Blöcken à 90 Minuten stellten sich die drei den Fragen der 10. Klassen der AES – offen, ehrlich und manchmal auch richtig persönlich.
Souverän moderiert wurde das Gespräch auch diesmal von jeweils zwei Schülern der AES: Bennet Pankratz (10A) und Ibtissam Asbaoui (10B) in Block 1 sowie Emma Rotter (10D) und Sophie Walther (10E) in Block 2.

Glaube als Teil der eigenen Geschichte
Gleich zu Beginn wurde klar: Religion ist für die drei viel mehr als Sonntagsgottesdienst oder bloßes Ritual. Frau Kunik beschrieb Religion als Identität – als Jüdin gehöre für sie dazu, die eigene Geschichte anzunehmen und zu verarbeiten. Frau Makarevic erzählte bewegend, wie sich ihr Glaube ausgerechnet durch die Erfahrungen des Bürgerkriegs im damaligen Jugoslawien entwickelt und verstärkt habe, sodass er nun nicht wegzudenkender Teil ihrer Identität sei. Und Herr Heidrich zitierte Psalm 36, der ihn seit Jahren begleite: "Bei dir, Herr, ist die Quelle des Lebens" – für ihn der Ursprung seiner Ehrfurcht vor allem Lebendigen.
Wenn der Glaube auf die Probe gestellt wird
Besonders eindringlich wurde es, als es um Krisen ging. Frau Kunik sprach offen über den Hamas-Angriff des 7. Oktober 2023 und die Angst, die seitdem viele jüdische Menschen begleite. Sie selbst erhalte bis heute Hassmails und habe sogar auf einer Liste des NSU 2.0 mit potenziellen jüdischen Opfern gestanden. Trotzdem betonte sie: Der Nahost-Konflikt habe nichts mit Religion an sich zu tun – im Gegenteil, die Religionen selbst würden die Zustände zutiefst verurteilen. Auch Frau Makarevic berichtete von Vorurteilen: Beim Bewerbungsgespräch mit Kopftuch erntete sie schon mal komische Blicke. Verstecken wollte und musste sie sich deswegen aber nie.
Kontroverse Themen, ehrliche Antworten
Die Schülerinnen und Schüler scheuten sich nicht vor kniffligen Fragen – und die drei Gäste nicht vor ehrlichen Antworten. Zum Thema Homosexualität erklärte Frau Kunik ihr Familienverständnis, das sie auch in ihrer Gemeinde, dem Egalitären Minjan in Frankfurt, habe durchsetzen können: Alles, was freiwillig und in gegenseitiger Liebe und Verantwortung für die Familie geschehe, sei gottgewollt. Frau Makarevic ergänzte differenziert, dass innerhalb des Islam viele Muslime dazu unterschiedlich denken – man dürfe darüber als Mensch nicht vorschnell urteilen, denn Letzteres sei allein Gott vorbehalten. Im Übrigen gelte die sogenannte „6. Säule des Iman“, der Glaube an die göttliche Vorherbestimmung, die besage, alles auf Erden geschehe mit Gottes Willen – also auch alle Beziehungen.
Auch Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder Gleichberechtigung in den Religionen kamen zur Sprache, ebenso die Frage, ob Anschläge je "im Namen Gottes" gerechtfertigt sein können. Die klare Antwort aller drei Religionsvertreter: Nein – Religion werde in solchen Fällen missbraucht.
Verschiedene Wege, ein gemeinsames Gespräch
Im zweiten Block ging es ein wenig grundsätzlicher zu: Gibt es "die eine richtige" Religion? Frau Kunik brachte es auf den Punkt: "Es gibt verschiedene Wege zur Wahrheit – die anderen Wege finde ich interessant und bedenkenswert." Herr Heidrich erinnerte daran, dass man auch Mächtige der Welt öfter fragen sollte: "Was würde Jesus dazu sagen?" Besonders imponiert habe ihm stets Mahatma Gandhi, der einmal sinngemäß formuliert habe: „Wir suchen weiter jeder auf seinem Weg, unserer Unvollkommenheit gewiss.“ Und alle drei waren sich einig, dass Religionen zwar Orientierung geben, aber niemals als Vorwand für Konflikte dienen sollten.
Was bleibt
Am Ende stand ein Wunsch, den alle drei Gäste teilten: mehr Orte der echten Begegnung – zum Zuhören, Nachfragen, Diskutieren, so wie an diesem Vormittag an der AES.
Für viele Schülerinnen und Schüler war es ein Gespräch, das noch lange nachwirkt. Vielleicht sogar so wie bei jenem ehemaligen Teilnehmer, den Frau Kunik Jahre später auf dem Weg zur S-Bahn wiedertraf und der ihr völlig unvermutet und ungefragt zurief: "Frau Kunik, Sie haben meine Denkweise durchs Abrahamische Gespräch verändert!"
Jochen Kilb // Foto: D. Karatovic