Jung trifft Alt“: Albert-Einstein-Schüler
stellen im Augustinum aus
Eine Fee auf der Schulter
Von Anne Zegelman
Neuenhain. Der Hintergrund ist blutrot. Aus einer zersprungenen Sanduhr fällt
der grobkörnige Inhalt, das abgebildete Mädchen hat die Augen weit
aufgerissen. In der Hand hält es einen abgetrennten Fuß. Den Eigenen?
«Selbstbildnis» heißt das Acrylbild von Jenny Kim, das die
Zwölftklässlerin mit einem Vers aus der Bibel vervollständigt
hat. Immerhin, das Fenster hinter der Fußlosen ist hellblau, in ihrem
schwebt ein bunter Heißluftballon.
Junge Kunst kann mitunter eigen und zwiespältig sein, das zeigt die neue
Ausstellung des Kunst-Leistungskurses der Albert-Einstein-Schule. Zum ersten
Mal stellen die zwölf Jugendlichen nicht in Bücherei oder Rathaus
aus, sondern präsentieren ihre Werke im Theaterfoyer des Wohnstiftes
Augustinum. «Jugendwelten – Jung trifft Alt» hat Kunstlehrer
André Steinborn die Ausstellung überschrieben. Und damit einen
weisen Titel gewählt: Denn das Wohnstift, in dem ältere Menschen
gemeinsam leben, unterscheidet sich deutlich von der Umgebung, in der die
Jugendlichen sich normalerweise aufhalten.
Jenny Kim macht mit ihrem blutigen Selbstbildnis den Anfang der Ausstellung.
Direkt daneben hängt das Bild «Stille Wasser sind tief» von
Svenja Karolczak. Es zeigt zwei Gesichter, beide von langen dunklen Haaren
umrahmt und doch zutiefst unterschiedlich. Eins ist wie eine Fratze zu einem
übermäßigen Lachen verzogen, das andere schaut verträumt,
introvertiert und fast unglücklich in die Welt. Daria Schirmer hat für
ihr Selbstbildnis Haarperlen und Fotos verwendet, während Clara Isenmann
sich zwar größtenteils realistisch gezeichnet, sich dann aber doch
eine kleine Fee auf die Schulter gesetzt hat. «Easy» heißt
das Bild von Isabell Schmitt. Sie hat nicht nur Pailletten eingearbeitet,
sondern auch Fotos, eine Schallplatte, Armbänder und sogar einen halben
Schuh, der aus dem Bild herausragt. Ji-San Hwang ist der einzige männliche
Teilnehmer des Kunst-Leistungskurses. Er hat sich so gemalt, wie eine Kamera
ihn festgehalten hat, allerdings ist die Umgebung rigoros verändert worden:
Statt langweiliger Tapete leuchtet die Wand knallorange, statt einem unordentlichen
Tisch wächst auf dem Bild eine Sonnenblume empor. «Meine Gesamtsituation
ist unrockbar» steht auf einer Postkarte – ein sehr moderner Ausdruck
für die allgemeine post-pubertäre Zerrissenheit. Stefanie Rutz hat
für ihr Selbstbildnis offensichtlich das Passbild aus ihrem Personalausweis
auf die Leinwand übertragen und eine Blume samt Muscheln und einem Bilderrahmen
daneben geklebt, «innen und außen» heißt das Ganze.
Theresa Krönung sieht sich auf ihrem Werk «My own Stairway to Heaven»
als geheimnisvolle Maskenfrau mit aufgemaltem Kleid. Ana Vanjak hingegen hat
ihr Selbstbildnis dort angesiedelt, wo sie sich zu Hause fühlt: zwischen
zwei Welten. «Ich stehe hier zwischen der Skyline von Frankfurt und
meiner Geburtstadt in Kroatien», erklärt die 17-Jährige, die
in ihre plakative Tasche jede Menge pinkfarbene Accessoires gepackt hat und
sagt: «Ich liebe alles, was glitzert.» Auch Kim Laura Kohl hat
ein sehr persönliches Bild gemalt, das sie «Mobile» nennt.
Darauf sind neben ihr selbst auch Notenschlüssel, Herbstblätter,
Fotos von den Eltern und den Hunden und ihr Auto abgebildet. «Das sind
die Sachen, die mein Leben ausmachen», findet die 18-Jährige. Soly
Han hat ihr verträumtes Bild schlicht «Soly» überschrieben,
und Yuni Kim zeigt mit ihrem Werk ihre zwei Identitäten als Koreanerin
und Deutsche.
Den Bewohnern gefallen die Werke größtenteils, doch sie hinterfragen
auch kritisch und sagen klar ihre Meinung. «Einige der Bilder sind mir
viel zu düster, andere finde ich schön», sagt eine grauhaarige
Dame. «Ich mag eher das Beschwingte. Das war schon so, als ich jung
war.»
«Haben Sie Verständnis füreinander», bittet Stiftsdirektorin
Renate Lütkehölter in ihrer Eröffnungsrede. «Wenn Ihnen
die Bilder zu kräftig sind, denken Sie daran, was Sie selbst in Ihrer
Jugend alles angestellt haben.»
Die Zusammenarbeit zwischen Augustinum und Albert-Einstein-Schule soll weitergehen.
Als nächstes steht ein Besuch der Stiftsbewohner im Schwalbacher Gymnasium
an, außerdem möchte der Malkreis bald einmal in der AES ausstellen.
Die Ausstellung «Jugendwelten» ist noch bis Donnerstag, 28. August,
im Augustinum, Georg-Rückert-Straße 2, zu sehen. Die Öffnungszeiten
sind von 8 bis 22 Uhr, der Eintritt ist frei.




