Projekttag zur Reichspogromnacht

„So intensiv habe ich mich noch nicht mit dem Thema auseinanderge-setzt, es war sehr emotional“, so der Eindruck einer Schülerin direkt nach dem Gespräch der 11. Klassen der Albert-Einstein-Schule mit Jaa-kov Zur, einem jüdischen Zeitzeugen der Pogromnacht 1938 in Frank-furt. Die im Vorfeld geäußerte Befürchtung, es könne zu einer Anhäufung des Themas Nationalsozialismus kommen, so dass die Schüler quasi „abschalten und dichtmachen“ könnten, bewahrheitete sich schon des-halb nicht, da die authentische Darstellung eines Familienschicksals den Schülern eine andere Zugangsperspektive ermöglichte, als sie es vom normalen Unterricht gewöhnt sind. So konnte man dann auch eine Stecknadel fallen hören, als der 84jährige Zur von den alltäglichen An-feindungen gegen ihn und seine Familie berichtete oder als er unter Trä-nen beschrieb, wie er 1987 zur Gewissheit kam, dass seine Mutter und Schwester, die nicht nach Palästina emigrieren konnten, in Auschwitz umgekommen waren. Zurs zweite Ehefrau Zippora ergänzte dessen Be-richt, indem sie von ihrem Schicksal im KZ Auschwitz und ihrem dreitä-gigen „Todesmarsch“ mit ihrer Schwester nach Bergen-Belsen erzählte.
Ebenfalls sehr eindrucksvoll schilderte auch die zweite Zeitzeugin, Mar-lies Flesch-Thebesius, das, was sie, deren Großvater Jude war, in jenen Tagen in Frankfurt erlebte: Die Synagogen hätten in Flammen gestan-den, jüdische Männer seien in die Festhalle gebracht worden, dann über die Großmarkthalle ins KZ. Ihr Vater habe danach zunächst jüdische Ärzte aus dem Krankenhaus entlassen müssen, ehe er selbst aus dem Dienst entfernt worden sei.
Doch nicht nur die 11. Klasse, sondern die gesamte AES widmete sich während dieses Projekttages einem erweiterten Themenkomplex. In der 7. Klasse ging es beispielsweise darum, aus szenischen Darstellungen der Kurse „Darstellendes Spiel“ der Stufe 11 typische Vorurteile heraus-zuarbeiten und Handlungsalternativen zu benennen. Die 10. Klasse be-fasste sich mit dem Thema Euthanasie damals – Gentechnik und Gen-manipulation heute. Die Unterstufe las mit großer Begeisterung alters-gemäße Literatur zum Nationalsozialismus und studierte typische Bio-graphien und Schicksale. Der Jahrgang 8 nutzte den Tag, um in Exkur-sionen Stätten des „jüdischen Bad Soden“ bzw. Gedenkstätten in Frank-furt aufzusuchen. Die Stufe 9 schließlich befasste sich mit der so ge-nannten „Entarteten Kunst“, im Speziellen der Musik während der Nazi-Diktatur.
Erfreulich war die Einbeziehung nahezu aller Fachlehrer und die vielfa-che positive Rückmeldung von Schülern, Eltern und Lehrern. Dies regist-rierte auch der Buchhandel in Schwalbach und Umgebung, denn mehre-re Fünftklässler wollten unbedingt wissen, wie die Geschichte „Damals war es Friedrich“ weitergehe und bestellten sich noch am Freitag das Buch.
Ermöglicht wurde der Projekttag nicht zuletzt durch die Unterstützung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im MTK und die Stadt Schwalbach in Person des Jugendbildungsreferenten Achim Lürtzener.


Jochen Kilb, Öffentlichkeitsarbeit AES
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