Ausgefeilte Texte, präzise Sprache

Hoechster Kreisblatt vom 15.12.2004

Von Jürgen Dehl

Schwalbach. 25 Jahre Theater-AG an der Albert-Einstein-Schule – man kann durchaus sagen, dass hieraus das Fach Darstellendes Spiel erwuchs – und dazu eine Inszenierung, die ein keineswegs einfaches Thema mit großer Klarheit behandelt. Theaterlehrer Michael Gonszar, der einst auch die AG ins Leben gerufen hatte, inszenierte das Stück «Girlsnightout» von Gesine Danckwart.

Beziehungsreich das Bühnenbild. Jede der drei Darstellerinnen – Alexandra Jost, Jennifer Keller und Svetlana Wiens – hat als Fixpunkt eine Art Geschenkpaket. Sie sitzen darauf, dösen, schlafen und träumen. Von hier plappern sie oft Gereimtes und Ungereimtes ins Publikum. Zeitweilig werden sie zum verschworenen Trio; dazu versammeln sie sich auf der Vorderbühne. Links und rechts sind Spiegel angedeutet. Darin könnten die drei Protagonistinnen sich und ihr Innenleben erblicken. Aber die Spiegel werden mit Modemüll schwarz geschwätzt.

Anderes in diesen Wort-Ergüssen ist liebenswert jungmädchenhaft. Die Sprache ist verschiedentlich derb, doch die Inhalte könnten auch von heranwachsender Weiblichkeit des 19. Jahrhunderts stammen: «Auf einmal hat man diesen Körper und weiß nicht, wie es vorher war.» Oder fast altklug: «Jugend leistet sich den Luxus, eigenes Leben zu verschwenden. Später klebt man dran.» Es gibt auch poetische Sätze, die vorm Auge des Besuchers ein Meer aus Einsamkeit entstehen lassen: «Theoretisch weiß ich wie man Herzen gewinnt. Praktisch hapert's, weil keine frei sind.»

Der dramaturgische Kniff ist verhältnismäßig einfach. Die drei Mädchen bereiten sich aufs Ausgehen vor. Dabei durchwandern sie fast unmerklich verschiedene Altersstationen. Schon im ersten Bild macht Gonszar deutlich, wie unterschiedlich das Personal in diesem «Dreimäderlhaus» ist: Eines der Mädchen schmückt sich, das andere liest «Bravo», und das dritte knuddelt einen Kuschel-Bär und nascht. Doch wenig später entweichen die Darstellerinnen dieser Typisierung. Die drei Charaktere schimmern plötzlich in vielerlei Farben und Facetten. Die Mädchen beziehungsweise jungen Frauen sind freche, großspurige Gören und dann wieder liebenswerte Geschöpfe.

Das Ausgehen wird filmisch geschildert. Dadurch sind Dinge möglich, die auf der Bühne der Einstein-Schule nicht realisierbar wären. Etwa ein Aufenthalt im Friseursalon, ein Discobesuch und Aufnahmen in einem leeren Theater. Auch anderes lässt sich per Film dezenter sagen als auf der Bühne. Beispielsweise strippen die drei Akteurinnen, und drei Traumprinzen folgen dem ansatzweise.

Die Filmsequenzen sind etwas lang geraten. Der Bezug zum Bühnenspiel verliert etwas an Deutlichkeit, obgleich eine sehr starke Szene nach dem Film die Aufmerksamkeit wieder zur Bühne lenkt. Eine des Damentrios schleppt einen Traumboy (Cristian Parra Sanchez) für einen One-Night-Stand ab. Die beiden anderen röcheln im Tiefschlaf. Wenig später begegnet sich das Pärchen wieder und ist mehr als nur peinlich berührt.

Gespielt wird mit großer Konzentration. Was vor allem überaus erfreulich ist: Die ausgefeilten Texte – die Darstellerinnen schufen sich aus der Vorlage eine eigene Version – werden sehr präzis gesprochen. Auch wenn die Szene einmal etwas turbulenter wird, geht kein Wort verloren. Fast heißt es Eulen nach Athen tragen. Aber die Aufführung kann wieder so genannten Schulfremden empfohlen werden. Heute, 20 Uhr, wird «Girlsnightout» noch einmal gegeben. Der Eintritt in dem Gymnasium (Ober der Röth) kostet 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Ab heute wird es eine Ausstellung über 25 Jahre Theater-AG an der Einstein-Schule geben. Zur Premiere war das leider nicht mehr zu schaffen.