Projekt- und Wanderwoche 2006

Printausgabe des Hoechster Kreisblattes vom 16.10.2006

Wer einer Streit sucht: Ganz einfach ignorieren

Schwalbach. Das ist ein echter Grund, sich zu ärgern: Eine glatte Fünf hat Philipp eingestrichen, und als er sich bei seiner Lehrerin beschwert hat, hat sie eine Sechs draus gemacht. Die Wut kocht, ja, so kann’s sich anfühlen, wenn man schikaniert wird. Ein Glück, es war alles nur gespielt: Philipp und seine Freunde stellten die Szene im „Theater-Workshop zum Thema Gewalt“ nach, der Teil der Projektwoche „Fit for Life“ für die siebten Klassen der Albert-Einstein-Schule war, die am Freitag ihren Abschluss fand.

Fünf Bausteine hatte das Projekt, das seinerseits über fünf Tage lief: Da war etwa der Workshop „Cool sein – cool bleiben“, in dem Daniela Hirsch ihren Gruppen das richtige Verhalten in Konfliktsituationen vermittelte. Dazu stellte sie einen „Typen“ dar, der sich einen schwächeren Gleichaltrigen aussucht, um ihn zu provozieren und in eine Schlägerei zu verwickeln. „Ey, Du! Ja, Du, komm mal hier rüber!“, rief sie dem Siebtklässler Kabala zu. Der ging zu ihr herüber, und bevor er sich versehen hatte, war sie ihm auf den Leib gerückt. Zuvor hatte Hirsch der Gruppe erklärt, wie wichtig es für den Menschen ist, ungefähr im Radius der Armlänge um sich herum eine „Sicherheitszone“ zu haben, in die niemand eindringt. Kabala schubste den „Typ“ aus seiner Zone, und prompt hatte der einen Grund, „zurück“ zu schlagen. An einem „Haus der Gewalt“, in dem eine Eskalation in verschiedenen Stockwerken – also Stufen – stattfindet, veranschaulichte Hirsch die bewährte Lehre: „Wenn ein Täter Euch zu sich ruft und Ihr reagiert, übt er schon Macht aus. Behaltet die Situation selbst in den Händen – ignoriert ihn.“ Und, am wichtigsten: „Wenn er eine Waffe hat: gewinnt schleunigst Land.“
In der Turnhalle fanden indessen sportliche Spiele statt, mit denen Kay Losert von der Mobilen Beratung Schwalbach mit den Schülern Zusammenarbeit, Teamgeist und Koordination in der Gruppe beibrachte. Eines davon beinhaltete, dass die Schüler gemeinsam einen Fluss überqueren mussten: Dafür bekamen die Gruppen kleine „Flöße“, mit denen sie eine Kette bilden mussten. Bei einem anderen Spiel ging es um Schnelligkeit und Koordination: „Ihr seid nun Riesen, Zwerge und Zauberer“, erklärte er den Jugendlichen. „Jeder hat als eigenes Symbol eine Bewegung. Nun müsst Ihr vor jeder Runde absprechen, wer welche Rolle hat.“ Beim Startschuss gaben sich die beiden Gruppen, gegenüber stehend, ihre Symbole, und dann ging die Hatz los: Riesen mussten Zwerge fangen, Zwerge Zauberer und Zauberer Riesen.

Weniger schnell, aber stark und ausdrucksvoll ging es im Theaterworkshop zu: Hier konnten die Schüler, nachdem sie mit den Mitarbeitern des Schultheaterstudios Frankfurt Wertvolles über das schauspielerische Handwerk gelernt hatten, in ganz ungewohnte Rollen schlüpfen – und erfahren, wie man sich als Mobbing-Opfer oder als Lehrerin „Frau Müller“, die eine ungerechte Note gibt und sich die Missgunst der Schüler zuzieht, fühlt. Nicht zuletzt veranstaltete Jörn Kämpken das Projekt „Sicher auf zwei Rädern!“ zur Verkehrserziehung, und das Hofheimer Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe gestaltete ein medienunterstütztes Projekt zum Thema „Rauchen“. „Allerdings konnten wir dieses Projekt nur in der ersten Hälfte der Woche anbieten, weil eine Mitarbeiterin des Zentrums krank geworden ist“, bedauerte die Lehrerin Gisela Schreiner-Weber, die die Projektwoche organisiert hatte und betreute. Doch auch mit dieser Einschränkung blieb für die siebten Klassen eine eindrucksvolle, lehrreiche Woche. (me)

Printausgabe des Hoechster Kreisblattes vom 16.10.2006


Bei Platzwunde: Lachen verboten

Von Matthias Elsdörfer

Schwalbach. „Hier ist ein Verkehrsunfall!“, ruft eine junge Stimme am Telefon. „Das sieht nicht gut aus, es gibt Verletzte, einige Leute stehen unter Schock.“ Da zählt für das Rote Kreuz (DRK) jede Sekunde: Binnen weniger Minuten kommen die Einsatzwagen an die „Unfallstelle“ bei der Albert-Einstein-Schule (AES) gerast, wo bereits zahlreiche Neuntklässler die „Verletzten“ betreuen. Und die jungen Helfer wissen genau, was sie tun: Denn das Spektakel bildet die Abschlussübung der AES-Projektwoche zum Thema „Erste Hilfe“ – eine Gemeinschaftsaktion mit dem DRK für die neunten Klassen des Gymnasiums. Die Projektwoche endete am Freitagmorgen.
„Meine Freundin!“, rief Nicola mit erstickter Stimme aus: Mit ein bisschen Schminke erschien die Schülerin aus der Klasse 9d blass wie ein Geist. Tapfere Helfer scharten sich um sie, wickelten sie in eine Wärmedecke, redeten ihr gut zu. Andere liefen zurück ins Gebäude, beschafften Verbandmaterial, mit dem dann die „Verletzten“ verarztet wurden. Ja, die Jugendlichen setzten vorbildlich um, was sie in den vergangenen Tagen gelernt hatten: Da ist etwa die neue Regel, dass man verletzten Motorradfahrern den Helm abnehmen muss, auch auf die Gefahr hin, seine Wirbelsäule zu beschädigen: Die richtigen Griffe hatten die jungen Helfer genau drauf, konnten auch später erklären, warum die Vorgehensweise nötig war: „Wenn der Verletzte seinen Helm aufbehält, kann der Kopf rollen. Durch das geschlossene Visier kann es sehr warm werden, keine guten Voraussetzungen für die stabile Seitenlage“, erklärte Sebastian Fritz, der den Motorradfahrer gespielt hatte. Er hatte kaum Verletzungen, während sein „Beifahrer“ David Wieczorek, der ohne Helm gefahren war, wesentlich stärker lädiert war. „Wir haben uns heute morgen bei den Mitarbeitern vom Roten Kreuz gemeldet, als gefragt wurde, wer ein Opfer spielen wollte“, berichtete er und fügte hinzu. „Wir sind dann geschminkt worden und bekamen erklärt, wie wir uns verhalten sollen und dass wir nicht lachen dürfen. Das ist mir nicht immer leicht gefallen.“ David hatte eine Platzwunde am Kopf und eine kaputte Hand; entsprechende Vorsicht war bei seiner Behandlung und seinem Abtransport geboten: Da griffen die Fachkräfte vom DRK selbst ein und gaben den Jugendlichen, die ihnen zur Hand gingen, Anleitung und Vorbild.

DRK-Mitglied Jürgen Kalisch kommentierte die Übung mit einem Megafon, gab Tipps, Hintergrundinfos und Anweisungen. „Auch hier sind, wie im echten Leben, Gaffer im Spiel“, bemerkte er zu den umstehenden Neuntklässlern, die ihren Kameraden auf die Finger schauten. „Manchmal ist es auch schwer, Betroffene von den Verletzten fern zu halten.“ Wichtig war außerdem, dass die eintreffenden Einsatzkräfte nicht – wie oft im Fernsehen gezeigt – zum Einsatzort rennen: „Wenn sie das täten, wären sie bei ihrer Ankunft außer Atem und könnten nicht konzentriert arbeiten“, so Kalisch.

Als schließlich die letzten Unfallopfer vom Einsatzort abtransportiert wurden, gab es lauten Applaus. In der Folge versammelten sich die rund 180 Schüler, die über die Woche in neun Gruppen betreut worden waren, in der Schulaula für eine Nachbesprechung. Sie wurden nach einem Lob von DRK-Kreisgeschäftsführer Stephan Racky, der sich schon etwas schwer tat, die Schüler bei Aufmerksamkeit zu halten, in die wohl verdienten Ferien entlassen. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Projekts“, sagte die Lehrerin Ursula Piayda, die von Seiten der Schule für die Veranstaltung verantwortlich zeichnete: „Es ist überraschend, zu sehen, welche Schüler hier sofort einspringen – von einigen hätte ich es nicht erwartet.“