Preis für ehemalige Schülerin

Unsere ehemalige Schülerin (Abitur 2004)

Yen-Ying Wu

hat für ihre Projektarbeit über italienische Migrant/innen in Schwalbach beim Wettbewerb ‚Spurensuche' des Goethe-Instituts in Rom den mit 800 € dotierten

3. Preis

gewonnen. Die Arbeit wird außerdem in die Ausstellung ‚Zwei, drei Jahre Alemanya – 50 Jahre Arbeitsmigration in Deutschland' anlässlich des 50. Jahrestages des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens' im September 2005 im ‚Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei' (Köln) aufgenommen.

Teilgenommen an dem Wettbewerb hatten 2100 Schüler/innen aus 75 deutschen und italienischen Schulen.

Die Arbeit hatte Yen-Ying als ‚besondere Lernleistung' im Rahmen der Abiturprüfung erstellt. Neben einem soziologischen Abriss der Ursachen und Bedingungen der Immigration von Italiener/innen besteht die Arbeit vor allem aus der Auswertung von sensibel durchgeführten Interviews, die ein sehr differenziertes Bild von Migrationserfahrungen zeichnen.

Wer Interesse daran hat: Die Arbeit ist in einigen Tagen in unserer Bibliothek zu finden.

4.11.04 Gerd Turk

 

Leben und Lernen in einem fremden Land

Frankfurter Rundschau vom 17.12.2004

Interview: Mirjam Ulrich 

Für ihre Arbeit über italienische Immigranten in Schwalbach ist Yen-Ying Wu vom Goethe-Institut ausgezeichnet worden

 

Frankfurter Rundschau: Frau Wu, war Geschichte eigentlich Ihr Lieblingsfach in der Schule?

Yen-Ying Wu: Mich haben eher immer die sozialwissenschaftlichen Fächer wie Erdkunde auch Gemeinschaftskunde interessiert. Durch die Arbeit für den Geschichtswettbewerb habe ich erst gemerkt, wie lebendig Geschichte sein kann. Die trockenen Seiten im Buch wurden auf einmal relevant.

--Im vergangenen Jahr haben Sie schon einmal erfolgreich an einem Geschichtswettbewerb zum Thema Arbeitsimmigranten teilgenommen. Ihre eigenen Eltern stammen ursprünglich aus Taiwan, rührt daher Ihr starkes Interesse an der Geschichte von Immigranten?

... In das Interessengebiet bin ich eher hineingerutscht, das Thema war ja vorgegeben. Doch die längere Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dem Thema haben mich in den Bann gezogen. Sicherlich auch deshalb, weil ich immer wieder meine Familie mit den Migrantenfamilien vergleichen konnte. Ich selbst als eine Art Gleichgesinnte hatte außerdem einen besonders guten Zugang zu den Immigranten. Die Befragten haben sehr offen gesprochen, trotz gelegentlicher Sprachbarrieren.

--Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Geschichten, die Sie erforscht haben und der ihrer Eltern?

... Ja in vieler Hinsicht. Während jedoch die meisten Immigranten den Wunsch hatten, eines Tages wieder in ihre Heimat zurückzukehren, wussten meine Eltern zu Beginn, dass in Deutschland ihre Zukunft liegt. Sie haben sich deswegen gezwungen, ihrer Heimat nicht allzu sehr nachzutrauern, sonder haben sich auf ihr neues Leben gestürzt. Der Kampf zwischen Integration und Erhaltung der Identität, Sprachproblemen und sozialen Problemen haben sie immer begleitet, bis heute. Aus der Extremsituation haben sie jedoch eine große Strebsamkeit geschöpft, sich in dem fremden Land durchzusetzen und mit eigenen Kräften eine Existenz aufzubauen.

--Mittlerweile studieren Sie Medizin an der Universität Pécs in Ungarn.

... Mir hat die Idee, die Zelte zu Hause abzubrechen, niemals Angst bereitet. Ich habe stets das Verlangen gehabt, Neues auszuprobieren, um mich näher kennen zu lernen. Ungarn habe ich gewählt, da sich dort die Möglichkeit für ein deutschsprachiges Medizinstudium bot. Die Universitäten in Osteuropa haben einen guten Ruf, und nach meinem Schuljahr in den USA wollte ich einfach einmal etwas Ungewöhnlicheres ausprobieren.

--Wie fremd oder heimisch fühlen Sie sich dort inzwischen?

... Die Ironie des Schicksals liegt darin, dass ich mir hier fast so vorkomme wie die Gastarbeiterfamilien, die ich für den Wettbewerb des Goethe-Instituts befragt habe. Ich bin den ganzen Tag mit meinen deutschen Kommilitonen zusammen und spreche ausschließlich Deutsch und Englisch. Für den Ungarisch-Unterricht machen wir gerade soviel, dass wie durchkommen, und im Alltag reichen manchmal die paar Brocken Sprachkenntnisse aus, um sich zurechtzufinden. Außerdem sprechen hier die meisten Menschen Deutsch oder Englisch.

Die Stadt Pécs zählt zum Unesco-Weltkulturerbe, aber Heimwehgefühle holen mich sehr oft ein. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ganz auf mich alleine gestellt bin. Die Menschen in Pécs sind hilfsbereit und freundlich. Die Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, mussten Diskriminierung auf sich nehmen. Das ist mir in Ungarn bisher nicht passiert, aber auch niemals in Deutschland.