Erlebnisausstellung "Labyrinth Fluchtweg"

Eine Odyssee im Kleinlaster

(Printausgabe Höchster Kreisblatt, 07.10.2005)

Schwalbach. Kurz vor der Grenze, wartet der Kleinlaster. «Schnell, schnell», flüstert jemand hektisch, das Herz pocht in den Ohren. Im Innern des Wagens ist es eng. Eingepfercht hinter Holzkisten trauen sich die Flüchtlinge kaum zu atmen. Die Kälte kriecht in alle Glieder, es schwankt, ist dunkel. Die Angst ist allgegenwärtig, doch als der Laster die Deutsche Grenze mühelos passiert, macht sich fast so etwas wie Freude bemerkbar.

Die Ausstellung, die heute für Besucher geöffnet ist, ist in vielerlei Hinsicht anders. Zunächst einmal präsentiert sie sich nicht in einer Galerie und zeigt keine gerahmten Bilder. Statt dessen werden Flucht, Angst, Bedrohung und Hoffnung in dem Inneren eines Containers hautnah vermittelt. 20 Minuten lang irrt der Besucher alleine durch das geschickt inszenierte Labyrinth. Über große Kopfhörer wird die Geschichte der beiden afghanischen Flüchtlinge Laila und Jamal erzählt, und auch der 16-jährige Mohammed kommt zu Wort. Die acht Stationen der Ausstellung sind chronologisch dem Weg eines Flüchtlings nachempfunden. Im Kleintransporter über die Grenze geht es hinein in die «Festung Europa». Anträge müssen ausgefüllt, Pässe abgestempelt werden. Verwirrende Schilder mit Nummern und ein unfreundlicher Beamtenton sorgen zusätzlich für Beklemmung. Besonders beeindruckend ist die «Abschiebehaft» dargestellt: Beschmierte Wände, eine schmale, karge Pritsche mit einer dreckigen Decke und ein verkrustetes Waschbecken kommen der Realität nah. Hektische Kommandos über Kopfhörer wie «Los, los, beeile Dich!» und das Tragen einer Reisetasche von Beginn bis Ende der Ausstellung verstärken den Eindruck und machen den Besucher selbst zum Flüchtling.

Achim Lürtzener hat die mobile Erlebnisausstellung, die seit zehn im Truck durch Deutschland tourt, nach Schwalbach geholt. «Damit möchten wir sensibilisieren», sagt der Jugendbildungsreferent. Lürtzener hat von der Erlebnisausstellung aus dem Internet erfahren und war von den allgemein guten Kritiken begeistert. «Ich habe dann die Katze im Sack gekauft, denn vorher irgendwohin zu reisen, um sie sich anzusehen, war mir leider nicht möglich.»

Dass die Entscheidung, die Ausstellung erstmals im Kreis zu präsentieren, richtig war, zeigt die Reaktion der ersten Besucher. Rund 80 Schüler der Albert-Einstein-Schule (AES) hatten gestern schon die Möglichkeit, hineinzuschnuppern. «Das war wirklich eindrucksvoll», meint Matthias (16), als er aus dem Labyrinth kommt. «Man konnte sich wirklich gut reinleben», erzählt die 16jährige Sandra. «Ich habe für mich selbst auch einen Nutzen daraus gezogen, denn zukünftig werde ich die Situation von Flüchtlingen anders einschätzen.» Und auch Jacqueline (16) kommt nachdenklich heraus: «Ich fand es gerade gut, dass alles etwas verwirrend aufgebaut war, denn genauso muss es den Menschen auch in Wirklichkeit ergehen.»

Michael Moor von der Stadtverwaltung verteilt die Kopfhörer und schickt jeden Besucher einzeln im Abstand von drei Minuten los. Harald Schuster, der jahrelang in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung gearbeitet hat, kommt vor oder nach dem Besuch in die Klassen und redet mit den Schülern über das Thema. Volker Kocanda ist Ansprechpartner an der AES. «Selbst, wenn man weiß, es passiert einem nichts, ist man verunsichert», berichtet der Lehrer von seinen Gefühlen. Achim Lürtzener weiß, dass die Ausstellung nicht «schön» ist. «Aber darum geht es uns auch gar nicht», sagt der Mitarbeiter des Jugendbildungswerkes, das von der Limes- und Friedenskichengemeinde, von Sankt Pankratius und Sankt Martin und dem VdK finanziell unterstützt wird. «Wir vermitteln hier ein Aha-Erlebnis.» (aze)