Von den Haarspitzen bis zu den Zehen bei der Sache

Höchster Kreisblatt Printausgabe vom 14.02.2004

Von Jürgen Dehl

Schwalbach. Einhellig war der Jubel. In der Albert-Einstein-Schule (AES) hatte die Jahrhundert-Revue "Denk ich an Deutschland. . ." Premiere. Vorab eine zweite erfreuliche Nachricht: Wegen des Erfolgs, mittlerweile waren schon drei Vorstellungen ausverkauft, gibt es am Dienstag, 17. Februar, 20 Uhr, in der AES eine Zusatzvorstellung.

Unter Leitung von Theaterlehrer Gerd Müller-Droste erarbeiteten Schüler des Fachs "Darstellendes Spiel" (Jahrgangsstufe 13) die Szenen nach Literaturvorlagen. Dazu gehören nicht nur wohlvertraute Namen wie Günter Grass, Klaus Kordon, Thomas Brasch oder Rainer Werner Fassbinder, sondern auch Jugendliche aus dem Kreis. Arbeiten aus dem Schreibwettbewerb "Geschichten zur Geschichte" wurden nämlich auch umgebaut und eingebaut. Neu war auch, dass zum ersten Mal der Leistungskurs Musik (Stufe 13) als Chor an einer Inszenierung der Theaterklasse beteiligt gewesen ist. Der Gewinn ist riesengroß. Das nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen zusätzlicher, szenischer Elemente. Obendrein: Musiklehrerin Annette Dimpl hat (Pardon!) Swing in den Knochen, und so ist es einfach Klasse, sie als Klavierbegleiterin in den unterschiedlichsten Songs zu hören. Außerdem hat sie ja auch die Stücke mit ihrem Chor - die jungen Leute sind von den Haarspitzen bis zu den Fußzehen bei der Sache - einstudiert. Dem stehen die Schauspielerinnen und Schauspieler in absolut nichts nach. Es gibt tolle Einzelleistungen, aber auch wunderbares Ensemble-Spiel, und die Techniker - sie haben schrecklich viel zu tun - sind hoch konzentriert am Werk.

Das 20. Jahrhundert ist wahrhaftig nicht aus Freude und Frieden gestrickt gewesen. Zwei Weltkriege überzogen den Globus. Brachten Schrecken und Verzweiflung über die Menschen. Dennoch immer wieder die große Suche wenigstens nach einem kleinen - wenn auch sehr zerbrechlichen - Glück. Eine Szene - nach der Vorlage von Laura Beck (Preisträgerin des Schreibwettbewerbs) - sei dafür stellvertretend genannt. Eine Schwalbacherin des Jahres 1918 verliebt sich in einen französischen Besatzungssoldaten. Der Kriegsbeginn 1939 mit dem heiseren Geschrei der "braunen Oberbrüllaffen" wird genau so eindringlich dargestellt. Auch das Danach wird ausgeleuchtet: Eine Fastnachtssitzung mit krankhafter Vergnügungssucht und einem warnenden Till.

Damit die harten, ernsten Töne wirksamer sind und auch erträglicher werden, gibt es auch knallig-humorige Szenen. Die Show "Herzblatt" wird auf die Schippe genommen und da ist eine parodistische Meisterleistung zu bewundern: Marc Göricke als Rudi Carell ist eine Wucht. Auffallend wegen seines Einsatzes und seines ebenfalls parodistischen Vermögens ist Christoph Puritscher als "Heinz Becker". Die Revue mündet schließlich in eindrücklichen Szenen nach dem Roman "1984", gespielt von Sarah Hohmann, Constantin Dönges, Niko Taavitsainen und Frederik Trutter. Um dann mit dem Schlager "Que sera" irritierend zu enden.

Das Projekt soll fortgeführt werden. Gerd Müller-Droste versteht die Revue als "work in progress", das von der Stufe 12 übernommen werden soll. Beschlossen werden die Aktionen mit einer Publikation. Darin werden die Ergebnisse des Schreibwettbewerbs "Geschichten zur Geschichte" ebenso enthalten sein, wie das szenisch Erarbeitete.