Brecht-Tage an der Albert-Einstein-Schule
Printausgabe des Hoechster Kreisblattes vom 21.11.2006
Abiturienten zeigen das Stück "Turandot oder der Preis ist heiß", das ihr Lehrer geschrieben hat
Anlässlich des 50. Todestages
von Bertolt Brecht behandeln die Oberstufenschüler der Albert-Einstein-Schule
in den kommenden Tagen auf verschiedene Weise das Werk des Dichters. Herzstück
der "Brecht-Tage" ist das Theaterstück "Turandot oder
der Preis ist heiß".
Schwalbach - Die Geschichte der chinesischen Prinzessin Turandot haben zwei
große Dramatiker der Theatergeschichte bearbeitet: Friedrich Schiller
stellte die Figur der Turandot im 18. Jahrhundert als emanzipierte Frau dar,
die nur den Mann heiraten will, der ihr intellektuell gewachsen ist. Bertolt
Brecht hingegen machte sie rund 150 Jahre später zum Spielball eines
korrupten Staates.
"Wir haben die Überlegung, wie die Turandot im Jahr 2006 aussehen
würde, zum Thema unseres Projekts gemacht", erklärt Theaterlehrer
Gerd Müller-Droste, der das Stück "Turandot oder der Preis
ist heiß" geschrieben und mit den beiden Abiturientenkursen des
Fachs Darstellendes Spiel einstudiert hat.
In dem Theaterstück, das die mehr als 40 beteiligten Schülerinnen
und Schüler während der "Brecht-Tage" der Albert-Einstein-Schule
drei Mal aufführen wollen, beschließen zwei Regisseure, eine zeitgemäße
Turandot zu inszenieren und zu diesem Zweck verschiedene Schauspielerinnen
zu casten. Allerdings haben die beiden Regisseure jeweils vollkommen unterschiedliche
Vorstellungen von einem gelungenen Stück, was bereits ihre Namen und
optischen Erscheinungen erahnen lassen. Der wie ein Dandy in schwarzen Anzug,
weißen Schal und Strohhut gekleidete "Schöller" findet:
"Der Mensch ist - ehe er etwas anderes ist - ein empfindsames Wesen!"
Er plädiert für eine ästhetische, klassische Inszenierung.
Sein Kollege "Bröcht" im schwarzen Ledermantel und mit dicker
Zigarre hält dagegen: "Glotzt nicht so romantisch!" Er stellt
sich die Turandot-Inszenierung als episches Theater vor, experimentell und
mit Verfremdungseffekten.
Der ironische und amüsante Streit der beiden Charaktere um die "richtige"
Inszenierung wird dabei unterbrochen von insgesamt sieben Turandot-Bewerberinnen
samt Komparsen, die ihr jeweiliges Konzept vorspielen; dabei kommen sowohl
Brecht-Moritaten als auch Teile aus Puccinis Turandot-Oper vor.
Während der "Brecht-Tage" gibt es außerdem am Mittwoch
und Donnerstag, 29. und 30. November, 19.30 Uhr, Brecht-Abende, bei denen
Schüler, Lehrer und Kulturschaffende aus Frankfurt Gedichte und Keuner-Geschichten
vortragen. Sonja Erkens
Die Vorstellungen von "Turandot oder
der Preis ist heiß" sind am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag,
21., 22. und 23. November, 19.30 Uhr, in der Aula der Albert-Einstein-Schule,
Ober der Röth. Karten gibt es an der Abendkasse zu sechs Euro für
Erwachsene und vier Euro für Schüler.
Regie-Profi Willy Praml besucht
den Oberstufenkurs „Darstellendes Spiel“ an der AES
„Den Zuschauer zum Verbündeten machen“
Von Jöran Harders
Printausgabe des Hoechster Kreisblattes
vom 21.10.2006
Schwalbach. „Es ist eine Verschwörung. Das muss geflüstert
sein!“ Denn der Kaiser solle nicht wissen, was hinter seinem Rücken
geplant werde, der Zuschauer aber durchaus, riet Regie-Profi Willy Praml den
Schülern des Oberstufenkurses „Darstellendes Spiel“ der Albert-Einstein-Schule,
die eine Szene aus einem Stück von Bertolt Brecht probten. Deswegen musste
der Plan, den Kaiser abzusetzen eben im Flüsterton verkündet werden
– allerdings in einem deutlich hörbaren, damit die Zuschauer später
auch in einiger Entfernung von der Bühne noch verstehen, was gesagt wird.
Bereits der Auftritt der Verschwörer solle Entschlossenheit demonstrieren,
waren sich Regisseur Willy Praml, der in Frankfurt das Theater in der Naxoshalle
leitet, und Lehrer Gerd Müller-Droste einig.
Deshalb ließen sie die Schüler nicht einfach so auf die Bühne
kommen, sondern deutlich hörbar im Gleichschritt aufmarschieren. „Turandot
oder der Kongress der Weißwäscher“ heißt das Stück,
aus dem im Rahmen des Unterrichtsfaches „Darstellendes Spiel“
Szenen einstudiert wurden.
Geprobt wird bis kurz vor dem Auftritt Ende Novbember kursweise; was in den
einzelnen Gruppen einstudiert wird, wird dann zu einer Aufführung mit
einer eigens geschriebenen Rahmenhandlung zusammengesetzt, in die neben den
Ausschnitten aus dem Brecht-Stück auch Szenen aus Friedrich Schillers
„Turandot“ eingebaut werden. Zu Beginn der Proben hatten die Schüler
der 13. Klasse Pramls Inszenierung von Brechts „Im Dickicht der Städte“
in der Naxoshalle angesehen und sich dadurch für ihre eigene Theaterarbeit
inspirieren lassen.
„Den Zuschauer zum Verbündeten machen“, solle der Darsteller
auf der Bühne, so Willy Praml: „Das eigentliche Motiv dem Publikum
verraten und dem Idioten was vorspielen.“ Der Idiot, das ist der Kaiser,
der in den verschiedenen Szenen mal als trottelige Schnarchnase, mal als bedächtiger
Norddeutscher gespielt wird. Die Zusammenarbeit der Kurse von Gerd Müller-Droste
mit dem Regisseur Willy Praml funktioniert bereits seit sieben Jahren. So
lange besuchen die Schüler, die das Fach „Darstellendes Spiel“
belegt haben, regelmäßig Aufführungen in der Naxoshalle und
führen intensive Nachgespräche mit dem Theaterchef und den Schauspielern.
Eine Beschränkung, mit der Gerd Müller-Droste bei der Theaterarbeit
mit seinen Schülern leben muss, ist der zeitliche Rahmen der Proben,
der durch den Stundenplan festgelegt wird. So war auch das Treffen mit Willy
Praml „vorbei, bevor es richtig angefangen hatte“. In einer Doppelstunde
könne man natürlich nicht allzu tief einsteigen, bedauerten Praml
und Müller-Droste unisono. Deswegen will der Regisseur kurz vor den Aufführungen
im November noch einmal an die Schule kommen.
Ohne zusätzliche Proben in der Freizeit sei es ohnehin nicht möglich,
die Auftritte so professionell vorzubereiten, dass sie auch für das Publikum
ein Vergnügen seien. „Die Alternative wäre, auf eine Aufführung
ganz zu verzichten, aber das kann nicht im Sinne eines Theaterkurses sein“,
betonte Gerd Müller-Droste.
Bevor die Schüler mit ihrer Inszenierung – denn in den Kursen wird
nicht gespielt, was der Lehrer als Regisseur vorgibt, sondern die Kursteilnehmer
müssen selber Ideen für die Umsetzung des Stoffes entwickeln –
auf der Bühne stehen, wird es daher mindestens noch ein intensives Proben-Wochenende
geben. „Ideal wäre es, wenn die Mitspieler einen Donnerstag und
einen Freitag frei bekämen, damit vier Tage lang am Stück geprobt
werden kann“, meinte Müller-Droste. Das sei allerdings organisatorisch
gar nicht so einfach, weil dann in dieser Zeit keine Klausuren geschrieben
werden könnten, und es von manchen nicht gerne gesehen würde, wenn
bestimmte Fächer eine „Sonderbehandlung“ erführen. „Natürlich
könnten die Kollegen argumentieren, dass die anderen Kurse auch mit den
im Plan vorgesehenen Stunden auskommen, aber letztendlich geht es um die Frage,
wie am sinnvollsten gearbeitet werden kann“, sagte der Lehrer, der darauf
verweist, dass ein guter Erfolg der Theateraufführungen gut fürs
Image der Schule sei, und ein gewisses Niveau mittlerweile auch erwartet werde.
Am Dienstag, 21. November, werden die Kurse der Klasse 13 ihre Interpretation
des Turandot-Stoffes nach Brecht und Schiller zum ersten Mal zeigen. Weitere
Aufführungen an der Albert-Einstein-Schule gibt es am Mittwoch, 22.,
und am Donnerstag, 23. November. Alle Vorführungen beginnen um 19.30
Uhr. Die Schüler der Stufe 12 werden die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung
mit Bertolt Brecht eine Woche später präsentieren. An zwei Abenden
unterhalten sie das Publikum mit Szenen, Gedichten und Liedern, und zwar am
Mittwoch, 29., und am Donnerstag, 30. November. Zwei unterschiedliche Programme
erwarten die Zuschauer an den beiden Abenden, Beginn ist ebenfalls jeweils
um 19.30 Uhr.

