Abitur - und was nun?

Mit der vielen freien Zeit, die nach den Klausuren zur Verfügung stand, wusste Laura Beck zuerst gar nichts anzufangen: "Die schriftlichen Prüfungen sind die größte Hürde, wenn sie vorbei sind, ist man deshalb wie betäubt", findet die 18-Jährige.

Schwalbach · 26. Mai · Irgendwie ist nach dem Abitur alles Weitere ziemlich vage, findet der 19-jährige Tim Koschella . Zum Beispiel, ob er Wehrdienst leisten muss oder nicht: "Meine erste Verweigerung wurde nicht akzeptiert. Falls ich noch eingezogen werde, leiste ich Zivildienst - die Bundeswehr kommt für mich nicht in Frage."

Falls das Jahr Zivildienst für ihn entfällt, möchte er im Oktober ein Studium beginnen. Die Wahl des richtigen Fachs ist allerdings gar nicht so einfach: "Nach dem Abitur kann man zum ersten Mal wirklich selbst entscheiden, was man machen möchte", findet Tim. "Natürlich trägt man dann auch die volle Verantwortung für seine Wahl, das erzeugt einen gewissen Druck."

Momentan tendiert der Albert-Einstein-Schüler zu Betriebswirtschaftslehre. "BWL in Mainz wäre eine Möglichkeit", sagt Tim, den es vorerst nicht in weite Ferne drängt. Doch auch wenn er nach dem Abitur in seiner gewohnten Umgebung bleiben wird, ist er sich der anstehenden Veränderungen bewusst: "Vermutlich trifft man nach dem Abi viele Leute gar nicht mehr, die man jeden Tag gesehen hat und nur die engsten Freunde bleiben in Kontakt."

Schwer wiegende Entscheidungen über den weiteren Lebensweg will er erstmal aufschieben: "Im Sommer möchte ich zweimal in Urlaub fahren, eine Woche mit meiner Freundin nach Lanzarote, dann mit meinen Freunden noch mal irgendwohin." Irgendwohin? "Ich dachte, wir setzen uns ins Auto und fahren einfach los", sagt Tim. Also auch Urlaub vom Entscheidungen treffen.

Laura Beck hat nach dem Abitur schon wieder Lust auf neue Herausforderungen. "Klar, nach den schriftlichen Prüfungen habe ich erst mal ausgeschlafen und bin mit Freundinnen weggegangen, aber eigentlich liegt mir rumhängen nicht besonders", erzählt die Schülerin des Einstein-Gymnasiums. Mit der vielen freien Zeit, die nach den Klausuren zur Verfügung stand, wusste sie zuerst gar nichts anzufangen: "Die schriftlichen Prüfungen sind die größte Hürde, wenn sie vorbei sind, ist man deshalb wie betäubt", findet die 18-Jährige.

Eine konkrete Vorstellung, was sie nach der Schule machen will, hatte sie bis vor kurzem noch nicht. "Ich wusste, ich wollte studieren, deshalb habe ich mich im Internet über verschiedene Studiengänge informiert." Resultat der Recherche: "Kulturwissenschaften würden mich interessieren. Da es bei keinem Studienfach eine Garantie gibt, dass man damit einen Job bekommt, dachte ich, ich mach einfach etwas, was mir Spaß macht", sagt Laura. Dass es ihr präferiertes Fach nicht an einer Universität in der Nähe gibt, ist ihr nur Recht: "Ich möchte auf jeden Fall etwas Neues anfangen und aus meinem gewohnten Umfeld herauskommen, auch mal ein Risiko eingehen."

Doch bevor sie sich ab dem Wintersemester diesem Abenteuer mit seinen Chancen und Gefahren stellt, möchte sie noch einmal nach Frankreich fahren: "Ich bin vier Monate in Frankreich zur Schule gegangen und würde gerne meine Freunde dort besuchen. Dann kann ich gleichzeitig noch ein bisschen französisch sprechen üben."

Einen großen Einschnitt bedeutet das Abitur für den 17-jährigen Samuel Degen aus Hattersheim-Okriftel nicht, auch wenn sich für ihn einiges ändert. Der Schweizer, der nach einem dreimonatigen Praktikum bei einer Werbeagentur in Manhattan wieder in die Schweiz zurückziehen will, ist Umbrüche gewohnt. "Ich habe mit meinen Eltern zuerst in der Schweiz, dann in Mittelamerika und zuletzt acht Jahre im Main-Taunus-Kreis gelebt", sagt er. "Auf die Zeit in New York freue ich mich, vielleicht hänge ich noch ein halbes Jahr als Praktikant bei der Entwicklungshilfe in Costa Rica dran."

Angst vor einer ungewissen Zukunft hat Samuel nicht, schließlich hat er eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sein weiterer Weg aussehen soll: "Die Universität Sankt Gallen hat einen ziemlich guten Ruf. Dort möchte ich Wirtschaftswissenschaften studieren, um später als Unternehmensberater zu arbeiten. Das ist schon seit einigen Jahren mein Ziel." Trotz der ehrgeizigen Pläne scheint der Main-Taunus-Schüler relativ gelassen: "Ich habe eigentlich keine Angst, etwas nicht auf die Reihe zu bekommen. Das klappt alles schon irgendwie."

So ganz ist der Abiturstress von der Hofheimerin Marion Selt, 19, noch nicht abgefallen, schließlich sind die Ergebnisse der Klausuren ausschlaggebend für ihre Chancen auf einen Studienplatz im Wunschfach Medizin. Der Druck, sich um ihren weiteren Weg selbst kümmern zu müssen, ist ihr nicht fremd: "Ich hatte schon die eine oder andere kleine Panikattacke, weil ich keine Ahnung hatte, wie es weitergehen soll, aber mit der Entscheidung für ein Studienfach lasse ich mir im Zweifelsfall lieber Zeit. Einfach drauflos zu studieren, halte ich für sinnlos." Um Alternativen zu haben, falls auch die Bewerbung zur Pilotenausbildung bei der Lufthansa keinen Erfolg hat, hat Marion schon mal einen Termin beim Berufsinformationszentrum vereinbart. "Ich glaube, man darf sich nicht so festlegen. Schließlich muss man ohnehin sein ganzes Leben lang flexibel bleiben und dazu lernen." Die Schule wird sie schon ein wenig vermissen: "Wenn ich zurücksehe, war die Schulzeit trotz Notenstress doch ziemlich sorglos", sagt sie. "Die Zeit nach den schriftlichen Prüfungen finde ich toll", sagt Vera Karnincic . "Ich genieße das so genannte Abi-Loch richtig." Obwohl man bei ihr kaum von einem "Loch" sprechen kann, denn die 19-jährige Schwalbacherin übt täglich Oboe und Klavier, um die Zulassungsprüfung zum Konservatorium in Frankfurt zu schaffen. "Ich weiß schon lange, dass Englisch- und Musiklehrerin mein Traumberuf ist", sagt Vera, das habe sie bei verschieden Praktika herausgefunden. Die Freude darüber ist ihr anzumerken. "Natürlich legt ein Lehramtsstudium ziemlich fest, aber ich bin überzeugt davon, dass es das Richtige für mich ist."

Mit Aussicht auf einen Beruf, der Spaß macht und von den gröbsten Zukunftsängsten befreit, lässt sich auch das Mehr an Freizeit gut aushalten: "Die Zeit zwischen schriftlichen und mündlichen Prüfungen erlaubt es auch mal, mit Freunden spontan unter der Woche abends wegzugehen", erzählt Vera. Und wie bei vielen anderen Abiturienten steht auch bei ihr eine Reise auf dem Plan: "Nicht so ein Selbstfindungstrip, eher was Konventionelles: last Minute ans Meer."

Die schriftlichen Arbeiten sind geschafft - eine kleine Verschnaufpause für die Abiturienten. Doch mit dem Abschluss rückt die Frage nach der Zukunftsperspektive näher. FR-Journalistin Sonja Erkens hat nachgefragt.

Zur Schule gehen ist das eine, aber anschließend eine berufliche Perspektive zu finden etwas ganz anderes. Das Archivbild zeigt Schüler der Abschlussklasse eines Gymnasiums. Bild: dpa

Umbrüche ist er gewohnt, und trotz seiner ehrgeizigen Pläne bleibt der Main-Taunus-Schüler Samuel Degen relativ gelassen: "Ich habe eigentlich keine Angst, etwas nicht auf die Reihe zu bekommen. Das klappt alles schon irgendwie."

Höchster Kreisblatt vom 27.05.2004