Den Kindern lieber vorlesen als sie mit Fernsehen ablenken

 

Hoechster Kreisblatt

Printausgabe vom 01.04.2005

Schwalbach. Ein leises, stetes Murmeln liegt über der Stille. So muss eine Bibliothek klingen, wenn Bücher sprechen könnten. Die Kinder lesen mal laut, mal leise, mal langsam und mal schnell. Immer wieder halten sie inne, um eine Seite umzuschlagen oder ein Wort zu wiederholen, bei dem sie sich versehentlich verhaspelt haben.

Die Pausenhalle der Albert-Einstein-Schule (AES) ist dunkel. Nur Leselampen und Lichtschläuche spenden genug Licht, damit die Vorlesenden ihren Text erkennen können. Die acht «Leseinseln» in der Pausenhalle, den Sitzpolstern und der Cafeteria wirken wie kleine, gemütliche Buchten.

Katharina sitzt mit ihrem Buch am Tisch neben dem Eingang zur Cafeteria. Die Zehnjährige ist etwas aufgeregt, meistert ihren Text aber mit Bravour und legt beim Lesen den Zeigefinger aufs Blatt, um nicht in der Zeile zu verrutschen.

Deutschlehrer Markus Holz arrangiert mit der Klasse 5d der AES die zweite Leseveranstaltung «Lesen ohne Grenzen». Dabei lesen zunächst 16 Schüler aus ihrem Lieblingsbuch, danach sind die Erwachsenen dran. Sie haben sich Bücher ausgesucht, die sie in dem Alter, in dem ihre Kinder heute sind, selbst gelesen haben – Lektüren, die sie besonders beeindruckt haben. Aus diesem Text lesen sie den Kindern vor und sprechen mit ihnen über das Buch und die damalige Zeit.

Wichtig dabei ist, dass es nicht beim bloßen Vorlesen bleibt, sondern dass die Eltern über das Vorlesen hinaus mit den Kindern über das Gehörte sprechen. «Unsere Veranstaltung soll der Lesemotivation dienen», sagt Markus Holz. «Nur, wenn ich selbst begeistert lese, kann ich diese Begeisterung auch vermitteln.» Diese Erfahrung hat auch Karin Dobbertin gemacht, deren Tochter am Leseabend mitmacht. «Ich habe meinen Kindern von klein auf vorgelesen», erzählt die Mutter. «Das empfehle ich auch allen anderen Eltern. Man muss die Kinder nicht mit Fernsehen ablenken.»

Die Bücher, die sich die Fünftklässler ausgesucht haben, sind vielseitig. Texte von Christine Nöstlinger beispielsweise, aber auch Jules Vernes «In 80 Tagen um die Welt» und «Rennschwein Rudi Rüssel» von Uwe Timm stehen auf der Leseliste. Die Erwachsenen haben aus den Büchern, die ihnen aus früher Kindheit erhalten geblieben sind, eine Auswahl getroffen. «Ich lese die ,Odyssee' von Homer in einer brauchbaren Kinderübersetzung vor», kündigt Harald Deutsch an und zeigt das Buch, das in zerfledderten roten Stoff eingebunden ist. Sein Sohn Lars (11) ist begeistert: «Das ist ein richtiges Jungenbuch.»

Die Eltern haben neben älteren Büchern Frikadellen, Salate und Brezeln mit in die Albert-Einstein-Schule gebracht. Auch beim Essen steht wieder das Gespräch im Vordergrund.

«Wir glauben nicht, dass Mädchen mehr lesen als Jungs», sagen Naomi, Hannah und Katharina (10 und 11 Jahre alt). Dass früher mehr gelesen worden sei, glauben die Mädchen aber schon. Ivona und Kathrin haben dafür eine Erklärung parat: «Früher gab es ja gar keinen Fernseher und Computer.» (aze)